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Anlagestrategie | 03.02.2012

Eine Mauer der Angst

Verglichen mit dem Jahr 2011 steht die Welt derzeit auf dem Kopf, meint Gastautor Thomas Grüner. Während im letzten Jahr Banken und Anleger sehr optimistisch waren, hätte sich dies jetzt ins Gegenteil verkehrt

Ein Fehler, so Grüner, der zehn Thesen für 2012 vorstellt und im Fazit viel positives Überraschungspotenzial für das Jahr 2012 sieht.
Die Krise in Europa hat sich weiter verschärft und die Wirtschaft hat sich gegen Ende 2011 merklich abgekühlt. Die Angst vor Inflation ist der Furcht vor einer Rezession im diesem Jahr gewichen. Der Crash im Spätsommer 2011 hat einen bleibenden Eindruck bei den Investoren hinterlassen. Der US-Präsidentschaftszyklus hat 2011 versagt. Das dritte Jahr der Amtszeit Obamas brachte nicht das — statistisch zu erwartende — hervorragende Aktienjahr. Für 2012, ein Wahljahr in den USA, bedeutet dies eine spannende Konstellation.

Zehn Kernthesen über die Entwicklung der Märkte 2012
Die zu positive Stimmung von Anfang 2011 ist völlig verflogen. Der Aktiencrash im August und die eskalierende Schuldenkrise um die PIIGS-Staaten haben die Angst an die Märkte zurückkehren lassen. Aus Optimismus ist teilweise Panik geworden. Viele der belastenden Faktoren für 2012 werden bereits breit diskutiert. Das negative Überraschungspotenzial hat sich merklich verkleinert. Viele Anleger sind ins Bärenlager gewechselt und halten an ihrem Pessimismus hartnäckig fest. Diese Mauer der Angst lieben die Märkte: Wir rechnen nach der scharfen Korrektur mit einer Wiederaufnahme des Bullenzyklus. Die Volatilität sollte 2012 erneut hoch bleiben. Korrekturen werden in dem Kursanstieg immer wieder eingestreut sein.

Die weltweiten Aktienmärkte werden in unserem Primärszenario per saldo mit deutlichen Kursgewinnen aufwarten. Das vierte Jahr des Bullenmarktes ist gewöhnlich ein sehr gutes Aktienjahr. Das „Jahr der Pause“ 2011 hat — ähnlich einem Stausee — einen Nachholeffekt entstehen lassen. Ein zweistelliger Kursanstieg (zehn Prozent plus X) ist an vielen globalen Aktienmärkten zu erwarten. Die langfristigen Zinssätze werden auch 2012 zumindest nicht spürbar ansteigen. Das Verharren auf einem historisch tiefen Niveau halten wir für wahrscheinlich. Die Inflationsraten — als maßgeblicher Einflussfaktor für das langfristige Zinsniveau — sollten auch 2012 nicht signifikant zulegen. Die Marke von zwei Prozent wird hierbei kaum überschritten. Zinssätze sind wie Aktienkurse ebenfalls volatil. Aber selbst eine — jederzeit mögliche — Aufwärtskorrektur sollte die langfristigen Zinssätze kaum über das Niveau von Anfang 2011 heben können. Den Notenbanken kommt 2012 eine entscheidende Rolle zu. Die Inflationsgefahren sollten sich merklich abkühlen und der Kampf gegen eine drohende Rezession wird 2012 im Vordergrund stehen. Die expansive Geldpolitik wird weltweit fortgesetzt und auch der Zinszyklus in den Emerging Markets dreht auf „expansiv“. Für 2012 sind in unserem Primärszenario keine Zinserhöhungen zu erwarten. Die US-Notenbank Fed wird sich im Wahljahr 2012 traditionell zurückhalten, um nicht in den Präsidentschaftswahlkampf gezogen zu werden. Die Zinsstrukturkurve wird zwar nochmals flacher, eine inverse Zinsstruktur bleibt jedoch in weiter Ferne.

Die Europäische Zentralbank wird zu alternativen Stützungsmaßnahmen greifen, um die Banken ausreichend mit Liquidität zu versorgen. Sie wird dabei dem — vorher gern kritisierten — Vorbild der Fed folgen und ihre Rolle als „Kreditgeberin der letzten Instanz“ gegen den Widerstand Deutschlands neu definieren. Dies wird für erhebliche politische Spannungen unter den Euroländern sorgen. Die Gewinnerwartungen für die Unternehmen sind für 2012 durch eine erwartete wirtschaftliche Abschwächung erneut zu skeptisch. Diverse Umstrukturierungen, Kosteneinsparungen und damit verbunden eine höhere Produktivität sorgen auch bei schwächeren Umsatzanstiegen für überproportional steigende Gewinne. Die Ertragslage im Finanzsektor wird sich 2012 merklich entspannen und wird dazu führen, dass dieser Sektor positiv überraschen kann. Vorbehaltlich neuer und externer Schocks wird der Abschreibungsbedarf der Banken spürbar zurückgehen.
Die große — 2011 gesehene — Underperformance des DAX und der Emerging Markets gegenüber den US-Indizes wird 2012 wieder enden. Die zu erwartende „Mini-Rezession“ in Deutschland haben die Aktienmärkte durch ihren Kurssturz im August 2011 bereits vorweggenommen.
Alternativen zu den Aktienmärkten sind im festverzinslichen Bereich weiterhin kaum vorhanden. Anleger können mit Zinserträgen in Anleihen erstklassiger Bonität keine nennenswerten Nettorenditen mehr erwirtschaften. Dieser Bewertungsunterschied „Aktien versus Anleihen“ ist mit vernünftigen Kennzahlen nicht mehr zu erklären und hat eine „umgekehrte Blase“ entstehen lassen. Aktien bleiben langfristig attraktiver, da deren Dividendenrenditen wesentlich höher als vergleichbare Anleiherenditen sind.

2012 ist das vierte Jahr im amerikanischen Präsidentschaftszyklus. Während im letzten Jahr fast jeder Analyst und Finanzjournalist für seinen Ausblick 2011 diesen Zusammenhang übernommen hat, verpuffte dieser gewöhnlich positive Effekt. Für 2012 haben wir die seltene Konstellation der Wiederwahl eines Demokraten (Obama) oder der Neuwahl eines republikanischen Präsidenten. Beide Wahlausgänge sind statistisch signifikant positiv. Da kaum jemand auf diese seltene und positive Konstellation hinweist, ist das Überraschungspotenzial hoch.

EURAMS

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