Aktienmärkte | 10.02.2012
Anfang gut, alles gut
Die Börsen sind fulminant ins neue Jahr gestartet. Wichtige Indikatoren deuten an, dass die Rally weitergeht. Warum es zum Stimmungswandel kam, wie die Aussichten fürs Gesamtjahr sind
Je verzwickter eine Krise, so scheint es, desto sperrigere Kürzel bekommen die Lösungsansätze. Rettungsschirme heißen EFSF und ESM. Wenn private Gläubiger auf ihr Geld verzichten sollen, läuft das unter PSI. Und wenn Private zusammen mit dem Staat eine Rettungs-Zweckgesellschaft gründen, nennen Experten das SPIV. Allein, die Märkte ließen sich 2011 nicht dauerhaft von solchem Buchstabengeklimper beeindrucken. Bis, ja, bis LTRO kam. Die vier Lettern stehen für „Longer-Term Refinancing Operation“ und bedeuten, dass sich Banken für ganze drei Jahre bei der Europäischen Zentralbank (EZB) mit Geld eindecken können. Und das zu Niedrigstzinsen. 489 Milliarden Euro haben sich Europas Institute bei der ersten Zuteilung am 21. Dezember abgeholt. Seitdem hat sich die Stimmung an den Märkten gewandelt.
Rekordstarker Jahresauftakt
Um rund 14 Prozent legte der Sektorindex Stoxx 600 Banks seit der Liquiditätsflut der EZB zu. Anteilscheine der 2011 schwer gebeutelten Commerzbank gewannen auf Monatssicht gar 40 Prozent. Doch damit erschöpft sich der Optimismus der Anleger noch lange nicht.Denn nicht nur die Banken erscheinen plötzlich wieder in hellerem Licht. Mit knapp zehn Prozent Plus im Januar legte der DAX den stärksten Jahresstart seiner Geschichte hin. Und für die US-Börsen lief der Januar so gut wie seit 15 Jahren nicht. Auch bei Schwellenländeraktien griffen Investoren wieder kräftig zu. Mit dem fulminanten Jahresauftakt rückt eine alte Börsenregel wieder ins Bewusstsein: der Januar-Effekt. Demzufolge verläuft das ganze Jahr positiv, wenn der erste Monat im Plus abschließt. 2011 erwies sich diese Regel allerdings als Bullenfalle. Denn auch damals starteten DAX und Co mit Kursgewinnen. Doch bereits im Februar drehte die Stimmung. Anschließend drückte das Unglück von Fukushima die Märkte nach unten und in der zweiten Jahreshälfte vertrieben die Eurokrise und Rezessionssorgen die Investoren aus riskanten Anlagen.
Nun ist die Risikobereitschaft zurückgekehrt. Und die Frage ist: Bleibt sie dieses Mal für länger? Nach Ansicht von Sushil Wadhwani stehen die Chancen dafür nicht schlecht. Der Fondsmanager und Ökonom, der einst dem geldpolitischen Komitee der Bank von England angehörte, hat sich intensiv mit den volatilen Märkten beschäftigt. Seine Erkenntnis: In den vergangenen Jahren haben sich die Phasen, in denen die Risikobereitschaft an den Märkten ausgeprägt war (Risk on), immer schneller mit jenen Phasen abgewechselt, in denen Anleger aus risikoreichen Anlagen flüchteten (Risk off).
Als Grund sieht Wadhwani, dass das Potenzialwachstum in den USA — der größten Volkswirtschaft der Welt — merklich zurückgegangen ist. „Je näher die Wachstumsrate an die Nulllinie kommt, desto wahrscheinlicher wird eine Rezession. Und desto kürzer werden die Risk-on/Risk-off-Zyklen an den Märkten“, sagt der Ökonom. Als zweite Ursache nennt Wadhwani die Schuldenkrise in Europa. Viel zu lang hätten Politiker vor den eigentlichen Problemen die Augen verschlossen und stattdessen an den Symptomen herumgedoktert. Doch der nun eingeschlagene Weg hin zu einer Fiskalunion lässt ihn hoffen. „Wenn die Politik diesen Weg konsequent weiterverfolgt, verschwindet allmählich die Angst aus den Märkten.“
Positive Konjunktursignale
Auch von realwirtschaftlicher Seite kommt Unterstützung. So blicken die Einkaufsmanager in den USA wieder optimistischer in die Zukunft (siehe unten). Und auch vom amerikanischen Immobilien- und Arbeitsmarkt kommen vermehrt positive Signale. Alles in allem nimmt die US-Wirtschaft wieder Fahrt auf. Das Wachstum in diesem Jahr dürfte zwar nicht gewaltig ausfallen, aber mit einer Rate von 2,0 bis 2,5 Prozent solide sein. Die Debatten um eine mögliche Rezession in den USA sind derzeit jedenfalls verstummt.
Von Trübsal blasen weit entfernt sind auch die deutschen Unternehmen. Wegen ihrer starken Verzahnung mit der Weltwirtschaft können sie früh von einem Anziehen der globalen Konjunktur profitieren. Dieses Vertrauen drückt sich in den hohen Werten des Ifo-Index aus. Innerhalb Europas nimmt Deutschland damit eine Sonderrolle ein. Immerhin dürfte die Bundesrepublik mit ihrer wettbewerbsfähigen Wirtschaft dafür sorgen, dass Europa 2012 in puncto Wachstum nicht unter die Nulllinie rutscht. Sehr viel optimistischer als eine „schwarze Null“ sind die Aussichten allerdings nicht.
Für die EZB dürfte in diesem Jahr daher kein Grund bestehen, die Zinsen zu erhöhen. Und nicht nur für sie. Aufgrund der weltweiten Konjunkturabschwächung gehen allerorts die Inflationsraten zurück. „Anders als 2011 können jetzt alle Notenbanken, auch die der Schwellenländer, an einem Strang ziehen“, erklärt Gottfried Heller, Gründer der Fiduka-Depotverwaltung.
Anleger können in diesem Jahr also weltweit mit einer ultralockeren Geldpolitik rechnen. Das beschert den Börsen Auftrieb. Zumal die Bewertungen der Aktien niedrig und die Dividendenrenditen im Vergleich zu Anleihezinsen äußerst attraktiv sind. „Vor diesem Hintergrund sehen wir für den DAX noch Kurspotenzial bis 7200 Punkte“, sagt Marco Herrmann, Chefstratege bei Fiduka. Daneben hat sich die EZB unter ihrem neuen Präsidenten Mario Draghi entschieden, eine aktivere Rolle bei der Krisenbewältigung zu spielen. Indem sie den europäischen Banken für drei Jahre billig Liquidität zur Verfügung stellt — besagte LTRO —, hilft sie nicht nur den Geldinstituten, sondern auch den Euro-Problemländern. Im Grunde ist es die lange geforderte „Bazooka“.
Doch statt die Krisenstaaten durch den Aufkauf von Staatsanleihen direkt zu stützen, geht die EZB den Umweg über die Geschäftsbanken. Diese stecken einen Teil des billigen Geldes in höher rentierende Staatsanleihen der Südländer. Damit ist beiden geholfen: Die Banken machen gute Geschäfte und können ihr Finanzpolster verbessern. Und bei den Anleihen der Krisenstaaten gehen die Renditen zurück, was die Aufnahme neuer Schulden erleichtert. Bei zweijährigen italienischen Staatspapieren sank die Rendite seit Mitte Dezember von rund fünf auf derzeit 3,1 Prozent. Damit ist die Liquiditätsquelle aber noch nicht versiegt. Am 29. Februar können Europas Banken erneut für drei Jahre Geld von der EZB abrufen. Dann könnten es bis zu 1000 Milliarden Euro werden, mehr als das Doppelte der letzten Zuteilung. Diese Geldschwemme und die Aussicht auf eine noch größere — dass so viel Liquidität die Märkte treibt, verwundert nicht.
Freilich stellen die EZB-Aktionen keine langfristige Lösung dar. Nicht nur sind sie ein gewagtes Spiel mit der Inflation. Sie ändern weder etwas an der unterschiedlichen Wettbewerbsfähigkeit der Euroländer, noch reparieren sie das Vertrauen im Bankensektor. Denn dieser kann seine Kreditvergabe komplett mit Zentralbankgeld refinanzieren. Der Geldhandel unter den Instituten selbst kommt so nicht in Schwung. Und schließlich droht immer noch ein Bankrott Griechenlands, der die Märkte gewaltig erschüttern würde.
Entsprechend vorsichtig sollten Anleger bei allen guten Prognosen bleiben. Dann können sie sich spaßeshalber noch mit dem Superbowl-Indikator befassen: Denn am Sonntag findet das Endspiel um die Meisterschaft im American Football statt. Gewinnen die New York Giants gegen die New England Patriots, verspricht das einer langjährigen Statistik zufolge ein freundliches Börsenjahr. Entscheidend ist die Zugehörigkeit zu einer Liga: Die Giants sind in der National Football Conference (NFC), die Patriots in der American Football Conference (AFC). Vielleicht ist am Ende doch NFC das entscheidende Kürzel für Börsianer.
EURAMS
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